Garantien – dieses Wort hören die Bundesbürger besonders gerne, gerade wenn es um finanzielle Angelegenheiten geht. Garantien geben ihnen in der Regel das, was sie sich am meisten wünschen in der Altersvorsorge – nämlich Sicherheit und Beständigkeit. Doch die Luft in der Lebensversicherung wird dünner.

Immerhin 83 Millionen Versicherungspolicen gibt es derzeit in Deutschland. Statistisch gesehen hat als jeder Deutsche eine Lebensversicherung abgeschlossen – Ergo-Vorstandschef Markus Rieß hat nach eigener Aussage gar sieben Verträge abgeschlossen. Denn mehr als 100 Jahre lang bewegte sich der Höchstrechnungszins für Lebensversicherungen in Deutschland bei mindestens drei Prozent. Zwischen 1923 und 1941 sowie von 1994 bis 2000 durften Versicherer sogar mit vier Prozent abzinsen. Drei Jahre später fiel der Zins erstmals unter drei Prozent. Seitdem ging es immer weiter bergab auf das heutige Niveau von 0,9 Prozent.

Dabei ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Geht es nach einer Empfehlung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), soll der Höchstrechnungszins ab dem 1. Januar 2021 gar auf 0,5 Prozent sinken. „Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass sich das zum Teil negative Zinsniveau der vergangenen Monate in näherer Zukunft spürbar verbessern wird. Daher ist eine Absenkung des Höchstrechnungszinses für Neuverträge ab 2021 geboten“, begründet der DAV-Vorstandsvorsitzende Guido Bader die Empfehlung.

EZB-Geldpolitik trifft die Lebensversicherer ins Mark
Ein vermeintlicher Grund liegt für Branchenkenner auf der Hand: Die lockere Geldpolitik der EZB, welche die Lebensversicherer praktisch bis ins Mark trifft. „Wenn die EZB so weitermacht, wird das Niveau der Verzinsung, das sich aus Garantiezins und Überschussbeteiligung zusammensetzt, weiter schrumpfen. Denn natürlich fressen sich die Niedrigzinsen weiter in die Bestände, wo derzeit auch noch hochverzinsliche Anleihen liegen“, kritisierte Nürnberger-Chef Armin Zitzmann im August 2019 im Handelsblatt-Interview.

Welche Kosten damit für die Versicherer zukommen, vermochte der Versicherungsmanager zwar nicht zu sagen: „Letztlich schütten wir in der Lebensversicherung mehr als 90 Prozent unserer Kapitalerträge an die Versicherten aus. Die entscheidendere Frage ist also, was kostet dieser Schritt die Versicherten – und das ist viel“, warnt Zitzmann.

„Denn die EZB torpediert das private Altersvorsorgesystem der Versicherten. Wenn die Menschen für das Sparen keinen Anreiz mehr haben, dann wird der Druck auf den Staat wachsen, die staatliche Altersvorsorge doch mit irgendwelchen Mitteln wieder sicherzustellen. Da geht es nicht um die Leute, die ein hohes Vermögen haben, sondern es geht um den Normalbürger, der neben der gesetzlichen Rente noch versucht, privat vorzusorgen. Bei Nullzinsen gibt es dafür aber kaum einen Beweggrund mehr“, erläutert der CEO der Nürnberger.

Entwarnung an der geldpolitischen Front dürfte allerdings auf absehbare Zeit erst einmal nicht zu erwarten sein. Denn bislang gibt es von der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde keine Anzeichen dafür, in welche Richtung sich die Zinspolitik der europäischen Notenbank im Jahr 2020 entwickeln wird.

Für die Versicherer wird die Luft somit wohl noch dünner – was aller Voraussicht nach auch die Kunden spüren werden. „Das Niedrigzinsumfeld schmerzt extrem. Die Zinsen am Kapitalmarkt sind zuletzt noch einmal gesunken. Das Thema verfestigt sich immer mehr“, beschreibt der Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata, Reiner Will, die Lage.

So haben die Allianz Leben sowie die Nürnberger Leben und die Alte Leipziger bereits angekündigt, ihre laufende Verzinsung für 2020 senken zu wollen. Andere Lebensversicherer wie die Axa, die VHV oder die Ideal setzen indes noch auf Stabilität. „In Zeiten von Null- und Negativzinsen ist eine 3 vor dem Komma ein starkes Signal“, konstatiert Allianz-Produktvorstand Volker Priebe.

Allerdings erwartet Versicherungsmathematiker Henning Kühl, Chefaktuar und Versicherungsmathematiker von Policen Direkt, in der Breite aber keinen starken Rückgang: „Bei der Verzinsung sind die Gestaltungsmöglichkeiten weitgehend ausgeschöpft“, argumentiert der Chefversicherungsmathematiker von Policen Direkt. Der Spielraum nach unten sei bei den meisten Anbietern wegen der Garantien in den bestehenden Verträgen eng begrenzt.

Viele Assekuranzen bieten indes gar keine Produkte mit klassischem Garantiezins mehr an. Sie setzen im Neugeschäft vielmehr auf Verträge, die lediglich den Erhalt der eingezahlten Beiträge ganz oder teilweise zusagen. Manch andere Versicherer haben das Neugeschäft gar ganz eingestellt. Andere Versicherungsgrößen haben ihre Bestände sogar ganz verkauft – allen voran die Generali oder die Arag.

Bafin nimmt die Unternehmen an die Leine
Die Finanzaufsicht Bafin beobachtet die Lage der Lebensversicherer und Pensionskassen indes mit zunehmender Sorge: „Die Situation der Lebensversicherer und Pensionskassen erfordert, dass wir unsere Kontrolle verstärken“, sagt Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungen, kürzlich auf der neunten Jahreskonferenz der Versicherungsaufsicht. „Wir sind dem Schutz der Versicherungsnehmer und Versorgungsberechtigten verpflichtet.“ Dieses Mandat sei ein Auftrag, „auf die dauerhafte Leistungsfähigkeit der Unternehmen zu achten“.

Wie ernst die Lage bei den Lebensversicherern ist, zeigt auch eine aktuelle Studie der Frankfurter Policen Direkt Gruppe. Bei 30 von 84 Lebensversicherern reichen die erwirtschafteten Erträge aus der Kapitalanlage im Jahr 2018 nicht aus, um die Garantieverpflichtungen zu erfüllen und die gesetzlich vorgeschriebene Reserve zu bedienen. Immerhin, im letzten Jahr waren es neun mehr. Für die Versicherer gehe es darum, die „die garantierten Leistungsversprechen langfristig erfüllen zu können.“

Die Mehrheit der untersuchten Unternehmen profitiert indes von der Reform der Zinszusatzreserve (ZZR). „Die Zinszusatzreserve zur Absicherung der Garantien ist nützlich und sinnvoll. Für viele Versicherer wäre sie aber in der alten Form existenzbedrohend geworden“, erklärt Kühl von Policen Direkt. Ohne eine Änderung der Berechnungsmethode hätte der zusätzliche Kundennutzen durch die weiteren Reservierungen in keinem Verhältnis mehr zur zusätzlichen Belastung für die Versicherer gestanden. „Durch den nun langsameren Aufbau der Reserve haben die Lebensversicherer jetzt Luft, Strategien zur Verbesserung ihrer Zukunftsfähigkeit weiterzuentwickeln.“

KPMG: Run-off ist eine „Realität unternehmerischen Handelns“
Doch nicht nur die niedrigen Zinsen machen den Lebensversicherern aktuell zu schaffen. „Die Zukunft der Lebensversicherung ist geprägt von teilweise existientiellen Herausforderungen. Die Branche hat sich den Veränderungen des Marktes in der Vergangenheit teilweise nicht konsequent genug gestellt. Von zentraler Bedeutung sind hierbei insbesondere: Niedrigzins, Wandel im Konsumentenverhalten und veraltete Technologie. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Versicherer noch keinen Durchbruch in Sachen ‚Zukunft der Lebensversicherung‘ erreicht hat“, konstatiert das Beratungsunternehmen KPMG.

Allerdings würden nicht alle Markteilnehmer „die Frage nach der Priorisierung der Themen gleich beantworten – die Altlasten nach und nach abzubauen oder sich sehr dezidiert auf neue Lösungen für die Altersvorsorge und auf den neuen Kunden zu fokussieren. In der nahen Zukunft wird die Politik auf die Versicherer immer mehr Druck aufbauen, um den privaten Teil der Altersvorsorge nachhaltig zu stärken. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Diskussion über die Reform der Riesterrente. Wenn die Branche nicht bald auf Wachstumskurs lenkt – der Bedarf ist ja da! – werden die Bestände in ihr Abwicklungsstadium übergehen müssen… und die Versicherer ebenso“, warnen die KPMG-Experten.

Dabei können sie der Entscheidung für einen Run-off jenseits „jeglicher ethischen Überlegungen“ durchaus etwas abgewinnen. Denn in vielen Fällen sei eine solche Entscheidung „ökonomisch gut begründbar. Es kann sich unter den Lebensversicherern durchaus eine vertikale Spezialisierung der Wertschöpfungskette herauskristallisieren, in der sich Produktanbieter und Kundenberater von Abwicklungsspezialisten alter Bestände nach klarer Aufgabentrennung unterscheiden.

Zudem sei ein Verkauf von Altbeständen „kein ‚Ausweg‘, sondern Realität unternehmerischen Handelns. Es ist eine durchaus valide strategische Option, die einem Lebensversicherer genau die Freiräume schaffen kann, sich auf die Zukunft zu fokussieren und wieder Wachstum zu generieren. Große Player, wie Allianz oder Ergo, haben sicherlich mehr Optionen als kleinere – sie können in eigener Regie technologische und betriebliche Grundlagen schaffen, um die Bestände effizient abzuwickeln, ohne sie in den Run-Off zu schicken. Bei den kleinen Versicherern wird der steigende Kosten- und Investitionsdruck unausweichlich zu Entscheidungen führen, sich zumindest von Teilen der Wertschöpfung zu verabschieden – sei es Teile des Bestandes zu verkaufen oder einen Teil des Betriebs outzusourcen. Ein sich gerade aufzeichnendes Modell von Plattform-Anbietern, die moderne IT- und Betriebsleistungen anderen Lebensversicherern zur Verfügung stellen, kann ein vernünftiger Weg sein, den viele Player aus dem Mittelstand zukünftig einschlagen.“

Noch kein Ende in Sicht?
Der Bedarf an einer Lebensversicherung ist jedenfalls vorhanden, glaubt Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP): Biometrische Risiken oder das Langlebigkeitsrisiko abzusichern, muss zum Teil in die Eigenverantwortung übergehen. Die Lebensversicherer könnten wieder verstärkt ihr ureigenes USP, Risikoausgleich im Kollektiv und in der Zeit, in den Fokus stellen, gepaart mit innovativen und kostengünstigen Produktkonzepten wie Fondspolicen. Dann wird der Lebensversicherer auch in Zukunft seine Daseinsberechtigung haben. Aber das höchste Gut, das Vertrauen der Endkunden, darf er hierfür natürlich nicht verspielen.“

Doch egal, welche strategische Entscheidung in den Führungsetagen der Lebensversicherer letztlich getroffen wird: Die nächsten Jahre sind eine große Mut- und Belastungsprobe für die Branche.

Autor: Tobias Daniel (VW-Redakion)

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.